Genau heute vor 50 Jahren!
...UND FRIEDE AUF ERDEN...
Ich war 18 Jahre alt, im
Wirtschaftswunderland Deutschland, lebte mit meiner Mutter in
permanentem Kriegszustand und dieses Weihnachten hatte sie es
vorgezogen allein in den Hügeln des Bergischen Landes wohl etwas Ski
zu fahren und friedliche Feiertage zu erleben.
Dieses Weihnachten war ich allein zu
hause.
Was tun?
Ich nahm den Bus nach Düsseldorf,
der nächsten Großstadt, und trieb mich in der „Altstadt"
herum (an der längsten Theke der Welt!), wo die Menschen herum
rasten, um am letzten Weihnachtstag letzte, vergessene Geschenke zu
kaufen, während bereits die ersten lärmenden Weihnachts-Säufer
auftauchten. Es würden mehr werden im Laufe des Abends – einsamen
Seelen, die sich durch die „Stille Nacht“ trinken mussten.
Dann fiel mir ein einzigartiges
junges Paar auf. Ich hatte sie nie zuvor gesehen. Er war ein kleiner,
wunderschöner Asiate mit langen, strubbelig hoch stehenden Haaren
und sie eine drahtige, hübsche Blonde mit unverschämt kurzen
Haaren.
Sie waren offensichtlich „on the
road“. So was nannte man damals „Gammler“.
Ich traf sie wieder in einer der
wenigen Bars, wo Gammler bedient wurden. „British Mike“, ein
lokaler Penner und Army-Deserteur, stellte mich den beiden vor. Sein
Name war Duc und ihr Name war Puck.
Duc kam aus Vietnam, wo er als
Zwölfjähriger ein Guerilla-Kämpfer gewesen war. Er entkam und
flüchtete nach Europa, wo er mit einem einzigen Stück Gepäck
herumreiste: Einer Ledertasche mit einer riesigen, fünf mal sieben
Meter messenden Flagge – aus kostbarer, roter Seide mit einem
goldenen Vietcong-Stern in der Mitte!
Puck kam aus Holland und sprach
natürlich holländisch, französisch, englisch und deutsch. Duc
sprach nur französisch und vietnamesisch. „British Mike“
englisch und ein bisschen deutsch und ich sprach deutsch und
englisch...…und sie hatten keine Unterkunft für diese Nacht!
Am Heiligen Abend!
„Da ist kein Platz in der Herberge
...“ war für mich nicht akzeptabel. So lud ich die drei Fremden
ein, Weihnachten mit mir zu feiern! Am Spätnachmittag nahmen wir den
Bus in die Kleinstadt, wo ich mit meiner Mutter eine
Drei-Zimmer-Wohnung bewohnte, in einer schäbigen
Neubau-Stadtrand-Siedlung – rechteckige Beton-Boxen, gebaut für
Flüchtlinge wie uns und andere von Armut betroffene Überbleibsel
des zweiten Weltkriegs.
Sobald wir angekommen waren, begann
Duc, der in Düsseldorf ein paar Tüten voll Lebensmittel eingekauft
hatte, zu kochen und er kreierte eine absolut spektakuläre Mahlzeit.
Vietnamesisches Chicken und Gott weiß, was für andere fremdartige,
köstliche Beilagen, die zwar nicht identifizierbar waren, aber umso
besser schmeckten.
Wir saßen um den Tisch im
gutbürgerlichen Wohnzimmer meiner Mutter (Ich hatte den peinlichen,
röhrenden Elch abgehängt und unter der Couch versteckt.) und
zelebrierten das Essen mit einem anständigen Beaujolais.
Und da saßen wir nun – jeder von
uns aus einer völlig anderen Welt, und – verdammt – die
Sprachbarriere erlaubte uns kaum verbal zu kommunizieren – aber wir
waren voller Liebe, ehrlich, offen und bereit alles miteinander zu
teilen.
Mike hatte ein kleines Stück
Haschisch, das wir nach dem Essen rauchten. Es war der zweite Joint
meines Lebens und ich hatte keine ungewöhnlichen Erlebnisse, mit
Ausnahme der Frakturschrift auf den gestickten, weihnachtlichen
Spitzendeckchen, die sich unauslöschlich in meine Netzhaut
gravierte: „und Friede auf Erden“, was meine perfekte
Glückseligkeit dieses Moments reflektierte.
Wir – vor einigen Stunden noch
völlig Fremde – praktizierten bedingungslose Liebe und alles
umfassenden Frieden, wie Jesus es von uns erwartete.
Wir mussten – und würden es
schaffen!
Weltfrieden noch in dieser
Generation!!!
Aber wir hatten unsere Pläne ohne
die Nachbarn gemacht!
Wir spielten noch ein paar exquisite
Schallplatten von Mahalia Jackson und Thelonious Monk bevor wir ins
Bett gingen.
In der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung
bekamen Puck und Duc das Zimmer meiner Mutter, „British Mike“
schlief auf der Couch im Wohnzimmer und ich in meinem eigenen Zimmer
und Bett.
Und Friede auf Erden!
Am nächsten Tag fuhren wir alle nach
Düsseldorf und dort erfuhr ich, wie Duc und Puck ihren
Lebensunterhalt verdienten. In Südfrankreich kauften sie einen
Posten Aquarell-Drucke auf Aquarell-Papier für einen Franc das
Stück. Der Eiffelturm und der Montparnasse, etc… – die Drucke
sahen aus wie echte Aquarelle. Hier auf dem Bürgersteig verkauften
sie sich für fünfzehn Deutsche Mark. Das war ein anständiger
Gewinn!
Natürlich ging es nicht wirklich um
die Aquarell-Drucke – es war die exotische Niedlichkeit dieses
Paars, die Aufmerksamkeit erregte und die Bilder verkaufte – und
sie schwammen im Geld – ein paar hundert Mark am Tag, mindestens!
Das ehemaligen Leben als Guerilla
hatte allerdings Spuren in Ducs Psyche hinterlassen: Er war eine
lebende Zeitbombe! Beleidigungen, für normal Sterbliche kaum
wahrnehmbar, konnten ihn innerhalb von Sekunden in eine mörderische
Tötungs-Maschine verwandeln.
Ducs Vergangenheit bestand aus
schlimmen Geschichten von Menschen, die er aus nichtigen Gründen
fast ermordet hatte. (Puck zeigte mir ein paar Zeitungs-Ausschnitte
aus Frankreich!) Er hatte immer zerkratzte Hände, denn wenn er sich
in einem Geschäft nicht richtig bedient fühlte, reichte ein
heftiger Karate-schlag um das Schaufenster in Splitter zu verwandeln.
Dann musste man schnell rennen.
Aus unbekannten Gründen schien Duc
mir zu vertrauen und immer wieder wurde ich geholt um Situationen,
wie zum Beispiel diese, zu entschärfen: Die physische Konfrontation
mit einem hitzköpfigen Zuhälter, der zweimal so groß und breit war
wie Duc und sich vor ihm aufgebaut hatte. Die Huren liebten Duc…
Dem Zuhälter fiel es schwer dieses
feminine Männlein ernst zu nehmen.
Er hatte natürlich keine Ahnung,
dass dieses kleine Männchen ihm mit bloßen Händen das Herz aus dem
Brustkorb reißen konnte! Es wurde mein Job Duc wegzuziehen, bevor
etwas passierte und – erstaunlich genug – in der Regel folge er
mir!
Und er war so geheimnisvoll, wie er
schön war.
Jahre später aßen wir zu Mittag im
Münchener Hauptbahnhof, als er plötzlich zur Toilette ging, ohne je
zurückzukehren
Für diese spontanen
Verabschiedungen war er bekannt und er machte das mit allen…
Das nächste Mal, ein halbes Jahr
später, traf ich ihn wieder… auf dem Boulevard San Michel in
Paris...
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt
jedenfalls feierten wir Weihnachten. Duc kochte weiterhin köstliche,
exotische Gerichte und wir hörten meine kümmerliche, aber
exzellente Sammlung von Jazz-Platten und wir tanzten ekstatisch zu
Ray Charles' „What'd I say“ .
Das entging den Nachbarn natürlich
nicht und ein paar Tage lang beobachteten sie, wie ich in der
Begleitung von drei ungewöhnlichen Personen, die sie für Frauen
hielten (zweifellos wegen des nicht-konformen Stils unserer Haare und
dergleichen!), aus dem Haus kam. Und sie konnten es kaum erwarten den
Vermieter über die Orgien in seinem Mehrfamilienhaus zu informieren.
Sie hatten keine Ahnung, dass ich
noch nie Sex mit einer Frau gehabt hatte, dass ich eine
Teenager-Jungfrau war, mit großen romantischen Ideen über die Liebe
und, dass ich mich mitten in einer religiösen Offenbarung über
Weihnachten, Christus, Liebe und Frieden befand.
Der Vermieter erklärte mir, meiner
Mutter würde das Appartement gekündigt! Ich argumentierte, dass
meine Mutter gar nicht anwesend gewesen sei. All dies sei meine
Schuld und ich würde am Ende des Monats ausziehen.
Er akzeptierte meinen Vorschlag.
Inzwischen hatten sich meine Gäste
auf den Weg, nach wohin-auch-immer gemacht.
Sie verließen die Wohnung sauber,
nichts wurde gestohlen, und die Küche war sauberer als vorher, aber
ohne einen Krümel Essbares.
Duc und Puck verabschiedeten sich
mit dem Ziel Kanarische Inseln, um dort das Ende des Winters
abzuwarten und wir vereinbarten, uns so bald wie möglich dort zu
treffen.
Als meine Mutter aus ihrem Urlaub
zurückkam, war sie verständlicherweise verärgert und als sie von
meinen Reiseplänen hörte, schickte sie mich zu einer
Psychotherapeutin.
Sie hatte mir nicht gesagt, wohin
sie mich schickte: „Es ist für die Versicherung, sie wollen, dass
du diesen Arzt aufsuchst, am Donnerstag, es für die Versicherung
...“
Sie log mich an, denn den Begriff
„Psychotherapeut“ erwähnte sie nie – bis ich das Wort
unmissverständlich neben der Praxistür las.
„Die glauben, ich bin verrückt!“
Wurde mir klar.
Ich ging trotzdem hinein.
Drinnen war es unerwartet düster –
alle Vorhänge waren zugezogen – ein paar Stehlampen verbreiteten
ein spärliches Licht. Die Silhouetten einiger weniger Patienten
bevölkerten die Sofas, schwer auszumachen im Halbdunkel des
Wartezimmers.
Ich wurde sofort vorgelassen und von
einer freundlichen, älteren Dame begrüßt, die mehr Falten in ihrem
Gesicht hatte, als ich in meinem kurzen Leben gesehen hatte.
Sie wollte wissen, was sich ereignet
hatte, und nachdem ich mit meiner Geschichte fertig war, blickte sie
über ihren Brillenrand und fragte ernsthaft: „Sag mal, hast Du
Freunde?“
Ja, nur wenige – aber diesen, so
fühlte ich, konnte ich mein Leben anvertrauen! Seit ich mich als
Außenseiter erkannt hatte – wurden alle anderen Außenseiter
unmittelbar zu Freunden – und da sie Schmerzen verstanden, waren
sie auch Freunde in der Not.
Nicht nur Freunde für sonnige Tage!
Die Therapeutin war erfreut dies zu
hören und senkte ihre Stimme und schaute mir tief in die Augen: „Sie
müssen verstehen, Ihre Mutter ist fast sechzig – sie stammt aus
einer völlig anderen Welt und hat keine Ahnung wovon Sie reden. Ich
wünsche Ihnen viel Glück auf Ihrer Reise und vergessen Sie nicht,
viele Nüsse zu essen, denn das ist wichtige Gehirn-Nahrung“.
Ich bin noch immer dankbar, dieser
überraschend klarsichtigen Therapeutin begegnet zu sein...
„Friede auf Erden“ hatte mich
aus meinem Haus katapultiert, meinem Job, beendete eine zukünftige
Karriere und ruinierte meinen sozialen Status, aber es schickte mich
in die Welt hinaus, auf die Straße, wo ich viele Jahre verbringen
sollte.
Aus dem Buch „DER GAMMLER“
Brummbaer, bei die „Grüne Kraft“, 2011